Wie eine digitale Pandemie breitet sich derzeit der neuer Hype im Internet aus, der jeden infizierten dazu verführt, Gedanken eines Organs, dessen Komplexität durch
nichts zu ersetzen ist, auf maximal 140 Zeichen zu deformieren.
Schaut man sich im Netz um, liest man immer häufiger, das erst diese neue und „trendige“ Form der Kommunikation einen echten und lebensnahen Dialog untereinander
ermöglicht. Scheinbar lagen wir jahrelang völlig daneben mit unserer Einschätzung, diesen Dialog bereits in Blogs und Foren geführt zu haben.

Wie dem auch sei, jetzt ist es Twitter und es ist denkbar einfach. Dieser sogenannte „Micro Blogging Dienst“, der nach Expertenmeinung schneller und kommunikativer zu
sein scheint als alles vorhergehende, ist wahrhaftig schnell eingerichtet. Jeder kann sich in wenigen Augenblicken unter twitter.com ein Profil einrichten und sofort seine
geistigen Ergüsse in die digitale Welt katapultieren.
Wie ein Countdown wird beim Tippen der Nachricht für jedes eingegebene Zeichen von 140 runtergezählt bis Null. Dann ist allerdings Schluss. Beim Klick auf „Update“
werden diese 140 Zeichen Gedankengut dann ins elektronische Nirwana geblasen damit es auch alle lesen und daran partizipieren können.
Damit wären wir auch schon bei einem besonders wichtigen Gesichtspunkt dieser neuen und hochgelobten Technologie. Den sogenannten „Followern“. Übersetzen
lässt sich das mit Leser, Fans oder Freunde. Also alle diejenigen, die sich für diese Nachrichten interessieren, die tagtäglich in den philosophischen Olymp geklickt
werden.
Das besondere ist jedoch, das man diese Nachrichten - oder auch Tweets genannt - natürlich nicht nur im Internet unter
twitter.com den Millionen Interessenten zumuten
kann, sondern natürlich auch von jedem Handy, iPhone oder Browser-Plugin. In unserem hochgelobten Zeitalter absoluter mobiler Kommunikation bietet Twitter einem
nun die Möglichkeit, zu jeder Zeit und von jedem Ort aus seine Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse der interessierten Menschheit aufzudrängen.
Wenn also die Kassierein an der Abendkasse eines Discounters Sie schlecht gelaunt abgefertigt hat, dann ist das sicherlich Grund genug, solche einrucksvollen
Erfahrungen unmittelbar per Handy oder iPhone zu twittern. Die digitale Gemeinschaft bzw. Ihre Follower werden es Ihnen mit verständnisvollem Mitleid, wohlgemeinten
Ratschlägen oder dem Hinweis, das es sowieso besser ist vormittags einzukaufen, danken.
Wer twittert ist eben niemals alleine!
Wenn Sie jetzt die Meinung vertreten, dass diese cerebralen Ausflüsse doch eigentlich niemanden interessieren, dann täuschen Sie sich. Seit Beginn des Jahres wächst
diese Twitterblase explosionsartig an und verzeichnet mehr als 30 Millionen neue Mitglieder.
Bevor man sich jedoch nicht selbst dieser kommunikativen Herausforderung gestellt hat, wird man auch nicht die Faszination erfahren die sich einstellt, bei dem Versuch
eines zumindest im Ansatz sinn- und inhaltsvollen Dialoges mit einem seiner Follower. Wenn zudem noch Zynissmus oder Ironie mit einfließen, kann das fatale
Missverständnisse hervorrufen. Die Beantwortung eines "Tweets" bedeutet auch, das dieser Follower dann für alle anderen literarisch besessenen Follower gleichfalls
sichtbar wird.
Dabei ist die Begrenzung der für die Menschheit so wichtigen Informationen auf maximal 140 Zeichen nicht das alleinige Problem. Anzustreben wäre hier sicherlich die
Vermeidung von inhaltlichen Sinnentrückungen und geistigem Abfall zum Zwecke der Selbstdarstellung.
Nachfolgend ein beispielhafter "Dialog", den ich vor ein paar Stunden verfolgt habe:
» Bisschen Shoppen in Krefeld xDD
» Alles erledigt + frisch Obst gekauft. Guter Laden, aber falsche Stadt
» Action-Grillen in Krefeld
» Grillen im gruenen Krefeld - Wuensche allen Twitterians nen entspannten Abend.
» Prost
» sitze in krefeld-linn im schoensten biergarten ever
» Sitze gemütlich im Mississippi Krefeld, tanke Sonne und lese die Zeitung
» Krefeld hat ein neues Bier!
» gleich krefeld.
» Montag zusammengefasst: Haare, Magic, Bahn, Krefeld, Bier, Spiele, Laufen, Meerbusch, Schlafen.
Nun ... ist das diese neue und „trendige“ Form der Kommunikation, die einen echten und lebensnahen Dialog untereinander ermöglicht?
Es ist einfach nicht nachzuvollziehen, warum Foren und Blogs, die noch vor einigen Jahren so hoch gelobt wurden, immer weniger Zuspruch finden. Vor allem das
Bloggen wurde vor einiger Zeit noch als die Kommunikationsplattform im www über den grünen Klee gelobt. Was ist daraus geworden?
Warum zieht es die heutige Generation im Internet vor, auf einer Plattform zu kommunizieren, deren Möglichkeiten auf 140 Zeichen begrenzt sind? Nur alleine deshalb,
weil ich auch am Strand in „Palma“ ohne Computer mit meinem Handy twittern kann?
Welche Motivation steckt dahinter, wenn Marketing- und PR-Experten diese rhetorische Deformation als Opium fürs Volk wie eine Sau durch unser digitales Dorf treiben?
Wer profitiert von diesem Erfolg, der in letzter Konsequenz dazu führt, das unsere Sprache langsam aber sicher anfängt zu verwesen?
Fragen über Fragen, die eigentlich niemand wirklich beantworten kann oder will, denn diese ganze Twittermania hat zwischenzeitlich eine Eigendynamik entwickelt, die
keinesfalls gestoppt werden darf. Warum wohl nicht?
Diese Fragen darf sich jetzt jeder selbst beantworten.